Einleitung
Der Platz der Theologie auf den Rängen "transnationaler" oder "transkultureller" Fragestellungen ist in der Regel der des "interreligiösen Dialogs". In Zeiten, in denen religiös motivierte Gewalt als ein gesellschaftspolitisch brisantes Thema verstanden wird, spricht man gerne vom "Dialog": vom "interreligiösen" oder dem "der Religionen". Berichte über Gewalthandlungen, als deren Motivquelle auch eine religiöse genannt wird, halten das Thema als problematisches, als ein in unserer globalisierten Welt anstehendes und zu lösendes Problem im Bewußtsein und verschaffen den unter dem genannten Stichwort "Dialog" flaggenden Unternehmungen Legitimität und Plausibilität. Dialog, Kommunikation wird als das für die benötigte Gegenwehr zur Verfügung stehende Werkzeug, als konfliktentschärfende Präventionsmaßnahme und in seiner friedensstiftenden Wirkung unangezweifeltes Heilmittel gesehen und anerkannt.
Zugleich ist heutzutage aus Psychologie und Konfliktforschung bekannt, dass bei zwischenmenschlichen wie innerpersönlichen Auseinandersetzungen das Gespräch allein (und sei es ein friedvolles, auf Frieden ausgerichtetes) nicht notwendig Gewalt abschafft und Harmonie erzeugt. Menschen können über Jahre hinweg miteinander auf eine Weise kommunizieren und kommunikativ interagieren, die ihr Konflikte produzierendes Problem eher stabilisiert als aufdeckt, geschweige denn auflöst. Gleiches gilt für das "monologisch-dialogische" innere Gespräch eines Menschen. Bestimmte Konflikte bedürfen einer Metaebene, um in ihrer Genese, um in ihrem Entstehungsgrund erkannt zu werden. Die Ebene, von der aus das Gesagte betrachtet und verstanden wird, und die Ebene von der aus geantwortet wird, spielt eine wichtige Rolle. Entscheidend ist die richtige Verstehenskategorie, d.h. als was wir etwas verstehen (als Appell, Geschichte, Ereignisbericht, Gefühlsausdruck, o.ä.), das rechte Inhaltsverständnis ("was hat er tatsächlich gesagt?"), die rechte Distanz zu dem Gesagten ("was will er mir eigentlich sagen?"), die rechte Selbstdistanz ("warum reagiere ich so auf das Gesagte?"), die richtige Sprache ("wie muss ich es mitteilen, damit er es versteht?") etc. Obwohl all dies bekannt ist, haben es hinter den Dialog zurücktretende, systematisch reflektierende Unternehmungen was ihre Plausibilität und gesellschaftliche Legitimität anbelangt ungleich schwerer als die, die sich unmittelbar dem Dialog und seiner Beförderung verschreiben. Dennoch können sie eine, ja die entscheidende Rolle für das Gelingen eines Dialogs spielen, für das Erreichen jenes Ziels, zu dessen Zweck er geführt wird: eine gegenseitige Verständigung, ein besseres intellektuelles wie empathisches Verstehen, eine gewaltfreie Interaktion.
Projektskizze
Das vorgestellte Dissertationsprojekt untersucht Religiosität unter systemischem, funktions- und strukturanalytischem Gesichtspunkt: Wie lässt sich die (inner-)psychische Funktion von Religiosität beschreiben? Welche Unterscheidungen fällt Religiosität? Worin besteht eine "religiöse Operation"? Was ist ein religiöses Urteil? Was sagt jemand, der sich oder sein Leben als religiös qualifiziert? Was erkennt jemand, der etwas als religiös erkennt? Welchen Unterschied erkennt er? Und - um eine Bateson'sche Wendung zu gebrauchen - welchen Unterschied macht dieser Unterschied? Was macht jemand, der die Welt religiös deutet, der religiös spricht, religiös argumentiert? Was haben diese Handlungen mit einer quasi-religiösen Deutung, Sprechweise und Argumentation gemeinsam und worin unterscheiden sie sich von ihren nicht-religiösen Formen? Wie sind religiöse Urteile strukturiert? Folgen religiöse Argumente einer bestimmten gleichbleibenden Logik? Lässt sich diese unabhängig von ihrem jeweiligen Überzeugungsinhalt beschreiben und analysieren? Besitzt Religiosität eine eigene Logik? Haben religiöse Glaubens-, Beliefsysteme eine bestimmte Struktur, eine gemeinsame "Grammatik" unabhängig von ihrem religiösen Inhalt?
All diese vielfältigen Fragen verbindet ihr systemischer, funktionaler und struktureller Blick auf Religiosität. Gegenstand der Untersuchung sind nicht bestimmte Glaubensinhalte einer bestimmten Religion oder bestimmter Religionen. Im Fokus steht nicht Religion in ihrer historischen, kulturellen, politischen o.ä. Dimension. Es geht, um es im Klassifikationsschema N. Luhmanns auszudrücken, nicht um Religion als soziales System. Vielmehr geht es um Religiosität verstanden als psychisches System, als Subsystem des psychischen Systems Mensch. Dieses soll aus dem Blickwinkel eines "Beobachters zweiter Ordnung" (Luhmann) untersucht werden. Das Hauptaugenmerk liegt also auf der Untersuchung der von Religiosität getroffenen Unterscheidungen, auf der Beobachtung ihrer Beobachtungen. Die Forschungsfrage lautet, ob aus diesem Blick auf die Unterscheidungen, die durch Beliefsysteme hervorgebracht werden, formale, strukturelle, funktionale, systemische Gemeinsamkeiten ausgemacht werden können. Gesucht wird nach Invarianten auf der Ebene der religiösen Operation, nach dem Gemeinsamen in ihrer Funktion, in dem, was Religiosität tut, was sie leistet, wie sie strukturiert ist, was ihre Aufgabe für das psychische System Mensch ist. Davon ausgehend sollen desweiteren quasi-religiöse Beliefsysteme auf ihre Funktionsäquivalenz, Strukturanalogie und Differenz zu den religiösen befragt werden.
Sollte diese Suche erfolgreich sein, läge in diesen folglich von den inhaltlichen Glaubensüberzeugungen des Beobachters erster Ordnung unabhängigen Invarianten ein Beitrag zum Verständnis des Religiösen (das freilich auch auf das Verständnis von "Religion" abstrahlte). Hiervon könnte nicht zuletzt der interreligiöse Dialog profitieren, dessen Fokus und Ergebnisse sich heute auf inhaltliche Differenzen und Kongruenzen von Glaubensinhalten und -praxen aus Perspektive eines Beobachters erster Ordnung ein- und enggefahren haben.
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Bemerkungen, Anregungen und Kritik sind willkommen.
